Epilepsie
Epilepsie – Hin und wieder auch ein Thema beim Holländischen Schäferhund
Ein sehr komplexes Thema, das Auftreten oft überraschend, eigentlich meist unerklärlich, der Erbgang mehrheitlich unbekannt, Massnahmen treffen sehr schwer.
Als ich überlegte, ob Choice in die Zucht gehen soll oder nicht, habe ich mich im Vorfeld sehr breit informiert, diverse Abklärungen gemacht, Gesundheitsdaten auswerten lassen, alle ihre Ergebnisse eingereicht, ich hatte Kontakt mit Genspezialisten vom Tierspital Bern und Zürich, war an Epilepsie-Seminartagen ect.
Grob wird bei der Epilepsie unterscheiden zwischen der symptomatischen Epilepsie und der idiopathischen Epilepsie. Bei der symptomatischen Epilepsie gibt es strukturelle Veränderungen, wie z.B. Narben, Infarktgewebe oder Ablagerungen, die im Gehirn nachgewiesen werden können. Bei der idiopathischen Epilepsie liegen keine nachweisbaren Veränderungen vor und es kann keine Ursache ermittelt werden. So wird bei der idiopathischen Epilepsie eine erbliche Veranlagung vermutet, was diese Form der Epilepsie für die Hundezucht von besonderem Interesse macht.
Hier mal paar Fakten über die idiopathische Epilepsie:
- Das Hauptausbrechungsalter liegt zwischen 2-4 Jahren, es kann aber ab 6 Monaten bis zu einem Alter von 6 Jahren ausbrechen. Erkrankt ein Hund erst nach 6 Jahren an Epilepsie ist nahezu immer eine andere Ursache der Auslöser und man spricht nicht mehr von der vererbten, idiopathischen Epilepsie. Auslöser können andere Erkrankungen sein, Tumore, Unfälle, Traumas ect.
- Der Hund hat zwei oder mehr Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden erlitten und es können keine andere Ursache festgestellt werden.
- Es erkranken mehr Rüden an idiopathischer Epilepsie als Hündinnen, rund 66,67% der erkrankten Hunde sind Rüden.
- Es braucht immer die Gene der Mutter und des Vaters, damit die Nachkommen an Epilepsie erkranken können. Es ist ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Gene, die Mutter muss mehrere Gene mitbringen, welche mit den Genen des Vater matchen. Ist dies der Fall können bis zu 50% der Nachkommen an Epilepsie erkranken (auch Vollgeschwister tragen nicht immer die gleichen Gene in sich). Die Gene der Mutter allein reichen nicht aus und die des Vaters allein auch nicht, damit die Krankheit bei den Nachkommen ausbricht. Es müssen genau die richtigen, passenden Gene beider Elterntiere aufeinandertreffen.
- Der Genträger selbst ist in der Regel ein gesunder Hund, aber er kann kranke Nachkommen bekommen, wenn man eben die Genträger falsch verpaart.
- In Studien wurden bereits Gene gefunden, die zumindest an einer Erkrankung an Epilepsie beteiligt sind. So wird das Gen ADAM23 bei einigen Hunderassen als Risikogen für eine Epilepsie angesehen. Ein Nachweis von ADAM23 kann jedoch allenfalls den Verdacht auf eine Epilepsie erhärten, ein Beweis für eine idiopathische Epilepsie ist das Gen leider nicht.
- Für die meisten Formen der idiopathischen Epilepsie gibt es bis dato keinen beweisenden Test. Da aber auch zahlreiche andere Erkrankungen, wie beispielsweise Stoffwechselstörungen, Vergiftungen oder Allgemeininfektionen, Epilepsie-ähnliche Anfälle auslösen können, besteht die Diagnose der idiopathischen Epilepsie im Ausschluss anderer möglicher Ursachen (Ausschlussdiagnose).
- Zur Diagnostik gehören eine allgemeine körperliche und eine spezielle neurologische Untersuchung, Laboruntersuchungen von Blut, Harn und gegebenenfalls auch der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor). Darüber hinaus werden Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) Aufschluss über Verletzungen oder andere Veränderungen des Gehirns geben.
Was heisst das jetzt für die Zucht beim Holländischen Schäferhund?
Der Holländische Schäferhund ist nicht eine sehr weit verbreitete Rasse und hat auch nicht einen unendlich grossen Genpool. Schnell wurde mir bei meinen Gesprächen mitgeteilt, dass es für die Rasse nicht sinnvoll ist zu brutal alle möglichen Genträger aus der Zucht auszuschliessen. Es wären zu viele Hunde, die Gesund sind, ev. gar keine Gene in sich tragen, nur potenzielle Genträger sind, welche mit dem richtigen Paarungspartner gar nie Auslöser für eine Krankheit sein werden. Ein Zuchtverbot für Genträger würde vielleicht noch funktionieren, wenn wir uns nur auf ein Merkmal beschränken, dann kann der Hund „Grün“ also frei davon sein. Aber wenn wir uns alle Krankheitsmerkmale anschauen, dann ist keiner unserer Hunde „Grün“ und frei, denn jeder Hund trägt irgendwelche krankheitsassoziierte Allele in sich und jeder Hund ist irgendein Anlageträger für Erbkrankheiten und das ist auch völlig normal so in der Biologie.
Aus welchem Grund sollen wir nun nicht alle Genträger aus der Zucht ausschliessen?
Weil wir uns dadurch die genetische Diversität versauen. Also zwangsläufig verlieren wir so bei jedem Jahrgang immer wieder Gene und es kommen auch keine neuen Gene mehr dazu. Wir sollten also alles dafür tun unseren Genpool möglichst gross zu halten. Genträger müssen in der Zucht sinnvoll eingesetzt und mit freien Hunden verpaart werden. Wir müssen vernünftig geplant Krankheiten reduzieren, ohne uns dabei die genetische Diversität zu versauen.
Eine 100% Garantie hat man in der Biologie leider sowieso nie.
Die unerlässliche Voraussetzung für die Erbgangs-Analyse sind zuverlässige Angaben über das Vorkommen von Epilepsie in der Rassen. Entscheidend dabei ist, dass eine fachgerechte Diagnose der idiopathischen Epilepsie gestellt wurde, um zu verhindern, dass Fehldiagnosen die Ergebnisse der Analyse verfälschen und die Epilepsie doch einen anderen Auslöser hat, als die vererbten Gene. Nur so können wir die Erbgänge versuchen nachzuvollziehen.
Die Sammlung dieser wichtigen Daten ist wiederum nur möglich, wenn das Thema Epilepsie nicht nur unter einzelnen Personen oder eines Zuchtvereins diskutiert wird, sondern auch offen über die Webseite oder andere Medien nach aussen kommuniziert wird. Die Rassevereine müssen hier unbedingt zusammenarbeiten, ihre Informationen und Daten austauschen. Es ist wichtig, dass man sowohl von den Zucht-Hündinnen wie auch von den -Rüden weiss, welches potenzielle Genträger sind. Deckrüden-Besitzer müssen diese Infos auch zwingend erfahren, und bei weiteren Deckanfragen mitteilen. Diese Transparenz wird bereits in vielen anderen Zuchtvereinen gepflegt und hat sich bewährt, denn der transparente Umgang mit dem Thema Epilepsie in den betroffenen Rassen schädigt keineswegs dem guten Ruf einer Rasse, des Züchters, des Zuchtvereins oder des Zuchtverbandes. Der ehrliche Umgang mit dem Thema stärkt vielmehr das Vertrauen in die Seriosität der Züchter und der Zuchtvereine und ihr Engagement für das Wohl der Hunde und für eine Zucht gesunder Tiere.
Es geht nicht darum, irgendwelche Züchter an den Pranger zu stellen, sondern einen gemeinsamen Weg zu gehen! Wir müssen gemeinsam unsere Daten austauschen, mögliche Genträger ermitteln um bei unseren Wurfplanungen nicht aus Unwissenheit (oder nicht ehrlicher, offener Kommunikation) zwei potenzielle Genträger miteinander verpaaren.
An der Kleintierklinik der Universität Bern werden in der Abteilung Institut für Genetik Daten von Holländischen Schäferhunden gesammelt:
Holländischer Schäferhund: Analyse von Erbkrankheiten und Anderen Erblichen Merkmalen
https://www.genetics.unibe.ch/.../analyse.../index_ger.html
Es ist etwas aufwändig, alle diese Daten einzureichen. Es braucht Blut, Röntgenbilder, Fotos vom Hund, Stammbaum ect. Doch finde ich es wichtig, dass wir da mitmachen und solche Forschungsprojekte unterstützen. Es braucht auch immer die Daten der gesunden und der kranken Tiere! Je mehr Hunde eingereicht werden umso besser! Klar ist das ein langwieriger Prozess und es kann gut noch mehrere Jahrzehnte dauern, bis wir z.B. einen verlässlichen Test bezüglich Epilepsie für unsere Hunde haben, vielleicht auch mit dem Risiko, dass es nie einen solchen Test geben wird. Aber wenn wir die Forschung und so Projekte nicht unterstützen, wissen wir schon heute, dass wir nie weiterkommen und nie neue Erkenntnisse gewinnen werden.
