Holländische Schäferhunde
 


Zerrspiele mit dem Hund – Aggressionsfördernd oder sinnvolles Training?
Immer wieder begegnen man in Gesprächen mit Hundehaltern, aber auch bei Tierheimen oder sogar manchen Hundetrainern, dem gleichen Vorurteil:
> „Zerrspiele machen Hunde aggressiv!“
„Wer mit dem Hund zerrt, fördert Beißverhalten und Dominanz!“
Diese Aussagen halten sich hartnäckig – sind aber nicht korrekt.
Fakt ist: Richtig aufgebaute Zerrspiele gehören zu den gesündesten, natürlichsten und förderlichsten Interaktionen, die wir mit unseren Hunden machen können.
Warum Hunde zerren wollen – ein Blick in die Natur
Das Bedürfnis, etwas festzuhalten und zu zerren, ist bei fast allen Hunden tief verwurzelt.
Beutetrieb & Jagdverhalten: In freier Wildbahn folgt auf das Ergreifen der Beute ein kurzes Schütteln und Zerren, um sie zu töten und in Stücke zu reißen. Dieses Verhalten ist genetisch verankert – kein Zeichen von Aggression, sondern von Motivation und Selbstwirksamkeit.
Soziales Spiel: Junge Hunde und Welpen üben untereinander oft Zerrspiele – dabei lernen sie nicht, einander zu verletzen, sondern Bisshemmung, Frustrationstoleranz und Kommunikation.
Geistige Auslastung: Zerrspiele stimulieren das Belohnungssystem des Hundes, bauen Stress ab und fördern die Bindung.
Der Mythos von der Aggression
Viele Menschen verwechseln erregtes Verhalten mit Aggression.
Ein Hund, der voller Energie am Zergel zieht, knurrt und schüttelt, zeigt schlicht und ergreifend Spiel- und Beutemotivation.
Wissenschaftliche Erkenntnisse:
Mehrere Studien (u.a. Rooney & Bradshaw, 2002) haben gezeigt:
Hunde, die regelmäßig kontrollierte Zerrspiele mit ihren Menschen spielen, zeigen keine erhöhte Aggressivität.
Im Gegenteil: Hunde, die fair spielen dürfen, sind oft ausgeglichener, zufriedener und konzentrierter.
Aggression entsteht durch fehlende Führung, mangelnde Kommunikation, Frust oder Angst – nicht durch ein gemeinsames Spiel.
Vertrauen und Bindung statt Dominanzkämpfe
Einer der größten Vorteile von Zerrspielen ist die Stärkung der Beziehung zwischen Hund und Mensch:
Der Mensch wird zum Spielpartner, nicht zum Konkurrenten.
Der Hund lernt Impulskontrolle, wenn er z.B. auf Signal das Spiel startet oder beendet.
Durch den kontrollierten Wechsel zwischen Ziehen, Halten, Loslassen und wieder Zupacken entsteht klare Kommunikation.
Ein Hund, der gelernt hat, auf Signal loszulassen, ist im Alltag sicherer zu führen als ein Hund, der nie die Gelegenheit bekam, dieses Verhalten im Spiel zu üben.
So baut man Zerrspiele richtig auf
Damit Zerrspiele sicher und förderlich sind, braucht es ein paar Regeln.
1 Das richtige Spielzeug
Robuste Zergel, Tau- oder Beißspielzeuge, die angenehm in der Hand liegen und keine Verletzungsgefahr bergen.
Keine alten Kleidungsstücke oder Schuhe! (Hunde sollen lernen, was Spielzeug ist und was nicht.)
2 Klare Signale
Ein Wort oder Handzeichen für den Start des Spiels (z.B. „Nimm’s!“).
Ein ruhiges, positives Abbruchsignal (z.B. „Aus!“ oder „Lass los!“).
Belohne den Hund für das Loslassen – zu Beginn ruhig mit einem Leckerli tauschen.
3 Wechselnder Gewinner
Es ist wichtig, dass beide Seiten abwechselnd gewinnen.
Ständiges Verlieren kann den Hund frustrieren.
Ständiges Gewinnen kann den Hund überdrehen oder den Reiz am Spiel verringern.
Ein faires Hin und Her hält das Spiel spannend und stärkt die Bindung.
4 Kurze, freudige Einheiten
Lieber 3–5 Minuten intensiv spielen als 20 Minuten, bis der Hund erschöpft ist.
Ein guter Abschluss ist immer ein positives Gefühl auf beiden Seiten.
Häufige Fehler beim Zerrspiel
Zu grobes, ruppiges Ziehen – führt zu Verletzungen oder Unsicherheit.
Würgen oder Schütteln am Hals des Hundes – niemals!
Spielzeug wegreißen oder bestrafen, wenn der Hund nicht sofort loslässt – untergräbt Vertrauen.
Keine Regeln etablieren – führt zu chaotischem Verhalten.
Zerrspiele sind Beziehungsspiele
Richtig gemacht, sind Zerrspiele:
Ein Ventil für den natürlichen Beutetrieb
Ein Motor für Bindung und Kommunikation
Ein Werkzeug für Impulskontrolle und Vertrauen
Eine gesunde, körperliche und geistige Auslastung
Das einzige, was Zerrspiele nicht sind, ist ein Aggressionstraining.
Ein Hund, der mit seinem Menschen fair zerrt und lernt, zu gewinnen und zu verlieren, ist weder dominant noch gefährlich – er ist einfach ein glücklicher Hund, der Spaß hat und seinem Menschen vertraut.
Unser Appell an Tierheime, Trainer und Halter:
Nehmt Hunden nicht das, was ihnen von Natur aus Freude bereitet.
Statt Mythen zu verbreiten, vermittelt klare Regeln und gutes Handling.
Das ist fair gegenüber den Hunden und macht das Zusammenleben harmonischer.